Der Stich sitzt Bildhauerin Asta Gröting durchspielt die ganze Klaviatur der Gefühle
Nicola Kuhn, 2026

Schwein gehabt? Bei Asta Gröting kann man sich da nie so sicher sein. Auf dem Boden der Galerie Carlier/Gebauer liegt die leere Hülle einer in Silikon abgeformten Sau, die in fluoreszierendem Orange erstrahlt. Die Skulptur weckt ungute Gefühle, löst Unbehagen aus. Ist sie ein Menetekel? Eine Warnung an die Menschheit könnte dahinterstecken. Schließlich verbindet uns mit dem Schwein mehr als uns lieb ist, Aufbau von Haut und Hirn ähneln einander.

Silikon gehört zum bevorzugten Arbeitsmaterial der Bildhauerin Asta Gröting, die damit auch schon Berliner Fassaden, die Unterkarosserie von Goethes Kutsche, Adenauers Staatskarosse sowie ihren eigenen Smart abgeformt hat, ebenso den Raum zwischen zwei Menschen beim Sex. Bei Carlier/Gebauer ist ein weiteres Intimbeispiel zu sehen, diesmal von zwei Frauen, deren Körperabdruck den Liebesakt festhält. Wie die Hülle des Schweins lässt auch diese Momentaufnahme eher frösteln.

Man könnte die Künstlerin für eine Psychoanalytikerin des gesellschaftlichen Zusammenlebens halten: Bei den Fassaden stülpte sie die vom Dreck der Zeit verstopften Einschusslöcher des Zweiten Weltkriegs heraus, mit den Karosserien lieferte sie ein Porträt verschiedener Zeitalter und ihrer Mobilität aus Untersicht. Mit der handfesten Visualisierung des körperlichen Zwischenraums beim Sex verordnet sie wie eine Paartherapeutin die kühle Bestandsaufnahme projizierter Emotionen.

Doch der Eindruck täuscht, cool ist hier gar nichts in Asta Grötings Schau. Der polemische Titel „Ein Funken Leidenschaft“ für die offenen Enden zweier Stromkabel in einer Wand, zwischen denen es gefährlich knistert, verrät sie. Die Künstlerin glaubt an Gefühle, auch wenn sie diese ironisiert wie beim überdimensionalen Herz aus Chrom, in dem eine gigantisch große Nähnadel steckt.

Was im Nippes-Normalmaß als kitschiges Objekt durchgehen würde, wird hier plötzlich zum ernsthaften Barometer der Befindlichkeit. Der Stich sitzt. Ein weiteres Riesenherz mit einer Kokarde in Schwarz-Rot-Gold gleich daneben am Boden erinnert an die Auswüchse von Heimatliebe, die sich zum Nationalismus versteigen kann.

Bei Asta Gröting öffnet jedes Objekt einen anderen Raum, der zu verschlingen droht. Der sich unmerklich bewegende weiße Kubus in den Maßen einer Waschmaschine erzählt von dem Wahnsinn in den eigenen vier Wänden, das kleine Doppelbett mit dem fiesen braunen Bezug von der ehelichen Ödnis, die Miniaturhütte mit einem schwarzen Eingang wie ein Schlund vom Horror kindlicher Erinnerung, den Abgründen der Märchenwelt.   Die Künstlerin durchspielt eine ganze Klaviatur an Gefühlen, an den Anfang aber setzt sie jedes Mal als Auslöser ein scheinbar simples Objekt: ein Schwein, ein Herz, ein Haus, ein Bett.

Sogar elegisch kann sie sein, wie im Video „Der Eilige Geist“. Ein Performer macht darin gemessene Schritte durch einen reinweißen Raum, beugt sich vor, strafft sich wieder. Erst nach und nach wird klar, dass er Maß nimmt mit seinen Händen an der Wand, der Streckung des Körpers. Gleichzeitig durchmisst er die Zeit, plötzlich wird er zum Tänzer, der eine Pirouette dreht oder sich wie im Menuett bewegt. Und wieder hat es Asta Gröting geschafft, scheinbar leichtfüßig die großen Dinge des Lebens zu erfassen, Zeit, Raum, Vergänglichkeit. Schwein gehabt, ist gar nichts dagegen.

Tagesspiegel, 14. Februar 2026