Das Frankfurter Städel-Museum zeigt eine Ausstellung mit Videos von Asta Gröting. Das ist so überraschend wie betörend.
Auf einmal schaut einen der Schauspieler Matthias Brandt ernst an – und zwar riesengroß auf einem Foto, das im Frankfurter Städel-Museum direkt über dem Durchgang zum Erweiterungsbau hängt. Aber dann ist es gar kein Foto, sondern ein Film – und von einem Moment auf den anderen sitzt da auch gar nicht mehr Matthias Brandt, sondern Helge Schneider. Der Helge Schneider. Und auch der schaut ungewohnt seriös, fast bisschen melancholisch, so als hätte ihn ein niederländischer Meister aus der Zeit von van Eyck da hingemalt mit seinem tiefroten Umhang. Die blonde Frau, die dann noch folgt, das ist Asta Gröting, die man zwar nicht von Film und Bühne kennt, dafür aber aus dem Berliner Kunstbetrieb.
„Bist du gescheitert?“, sagt die Stimme von Matthias Brandt immer wieder mal bohrend in die Stille hinein. Nur, wen meint er damit? Sich selbst? Die anderen beiden? (Schneider zuckt nur mit den Schultern, Gröting scheint etwas sagen zu wollen, tut es dann aber nicht.) Oder etwa den, der sich das anschaut? Und wenn – was antwortet man da? Es ist ja doch eine recht existenzielle Frage. Der Begriff stammt aus der Schifffahrt, er bedeutet „in Stücke brechen“, bis eben nur noch einzelne Holzscheite übrig bleiben. (So ungefähr lautet die Erklärung bei Wikipedia) Leute, die an einem Vormittag unter der Woche die Muße haben, durchs Städel-Museum in Frankfurt zu schlendern, haben sicherlich schon mal viel richtig gemacht im Leben. Aber Leute, bei denen wirklich immer alles so lief wie geplant, sind höchstwahrscheinlich selbst hier die Ausnahme. Und die nächste Frage wäre ja schon, ob die überhaupt so beneidenswert wären.
Dass Scheitern gar nicht unbedingt einen Misserfolg, sondern vielmehr eine Chance und damit Grundlage für wirklichen Erfolg darstelle, das hat man ja nun oft genug als Mantra von Business-Gurus amerikanischer Prägung gehört. Und wir sind hier schließlich in Frankfurt, Stadt des Wagniskapitals. Da kann man Scheitern auch als etwas begreifen, das man aktiv und mit Hingabe betreiben muss, um weiterzukommen. Das wiederum ist schon mal ein fundamentaler Unterschied zum passiven „Gescheitert-werden“, das der Soziologe Wolfgang Engler einst im postsozialistischen Ostdeutschland beobachtet hat. Ganz schön inquisitorische Situation also, gemessen daran, dass man noch nicht mal sicher sagen kann, wer hier eigentlich wen anschaut und examiniert. Aber für solche verblüffenden Umkrempelungen ist Asta Gröting wiederum berüchtigt, vor allem allerdings als Bildhauerin. Die Abgüsse, die sie von Berliner Altbauten mit ihren immer noch sichtbaren Weltkriegsnarben gemacht hat, sind nur das bekannteste Beispiel mit all den Einschusslöchern, die da nun ausgestülpt wie Noppen zum Dranfesthalten in den Raum ragen. Im Städel erinnern sie daran, dass Gröting seit den 1990ern auch Videos macht. Das Video mit Brandt und Schneider ist eine Premiere, die anderen haben die bei Videokunstwerken nicht unbedingt selbstverständliche Qualität, dass man sie ohne Weiteres mehrmals anschaut. Obwohl scheinbar gar nicht so viel passiert.
Ein Haufen Spaghetti formt eine Sommerwolke
Da ist ein blühender Kirschbaum wie aus der Japan-Werbung, nur brummen darin Insekten herum und verwandeln das statische Bild von der Kirschblüte in einen Prozess emsiger Arbeit. Und da ist ein Frühstücksstillleben, wie man es aus den Altmeistersälen mit den holländischen Meistern kennt, nur eben zeitgenössisch: Neben dem eher genre- als wirklich haushaltsüblichen Obst – Quitten! – sieht man hier unter anderem einen Mixer oder eine Kaffeemaschine, die den „ersten Drink“ des Tages zubereitet. („First Drink“ lautet der launische Titel).
Eine gibt eine echte Action-Szene, bei der ein ziemlich nervöser Hund einem beeindruckend ruhigen Wolf das Essen wegschnappen will, was natürlich nicht nur mit den diesen Tieren jeweils anhaftenden Kulturklischees spielt, sondern sozusagen auch mit dem Thema Generationenkonflikt. Auf einem anderen Video kann man Menschenaffen mit den Augen übers Fell streicheln. Eine wie im Dominospiel dazu passende, filmhistorische Referenz ist der Knochen, der auf einem anderen Screen in die Luft geworfen wird und dann langsam vor knallblauem Himmel herumtrudelt. Aber anderes als bei Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ sieht man danach kein Raumschiff durch die Luft fliegen. Sondern einen Tintenfisch. Dann eine Zitrone, die wie die Sonne leuchtet. Dann Marshmallows, und, besonders betörend: einen Haufen Spaghetti, die eine heiter auseinanderfallende Sommerwolke formen …
In wieder einem anderen tastet die Künstlerin forschend in den Gesichtern von Familienangehörigen und Freunden herum, „so als öffne sich ein lidloses Auge an der Spitze der Finger“, wie Jacques Derrida das mal so schön formuliert hat. Denn das schließt natürlich das Thema der Blindheit mit der Bildhauerei und dem Mythos von Pygmalion kurz. Der französische Großdenker hatte ja immerhin mal eine ganze Ausstellung zu dem Thema im Louvre gemacht, in der sich auch eine Guercino-Zeichnung von einem tastenden Blinden befand, die sehr ähnlich aussah wie Grötings Video hier; die trug die großartige Inschrift: „Scultura si, pittura no!“, Skulptur ja, Malerei nein.
Richtig, eigentlich wartet ja jede Menge Malerei in den Galerieräumen, zu denen dieser Durchgangsraum führt. Da hinten leuchten lichte Säle, das hier ist eigentlich nur verdunkelter Transit. Ein echter Limbus zusagen, auch was die überraschend lange Verweildauer betrifft. „Bist du gescheitert?“, fragt Matthias Brandt schon wieder. Was den Versuch betrifft, nach kurzem Blick auf die Bildschirme zügig weiterzukommen, muss man klar sagen: Danke, ja.
Asta Gröting: Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve. Städel Frankfurt, bis 12.4.